•30. April 2010 •
So definiert Wikipedia den Begriff Heimweh. Das ist teilweise richtig, aber teilweise falsch. Richtig ist, dass Heimweh definitiv der Wunsch ist, daheim zu sein. Was passiert aber, wenn man zwei Orte hat, die man daheim nennt?
Mal wieder gab’s ein solches YFU-Meeting… ich glaube, kaum jemand war ganz ehrlich in Gedanken schon wieder zu Hause. Umso überraschender, als die Einladung zur „Re-Entry-Orientation“ kam. Diesmal war’s im Gegensatz zum Meeting im Januar sogar im Spaßrahmen – Camping in Fort Davis, fast bei der mexikanischen Grenze – Grenzpatroullie garantiert!
Wir, das sind meine Gasteltern und ich, also am Samstag morgen an, und hatten auch nicht geplant, zu bleiben, sondern einfach nur den Pflichtteil mitzunehmen, und wurden direkt mit hineingezogen… man sprach mit uns darüber, wie hart der Abschied sein würde. Wie man sich drüben wieder einfindet. Was einen dadrüben unter Umständen erwartet. Und zuguterletzt auch, wie man packt. Dass man sich von sehr vielen Sachen letztlich verabschieden muss… [Ich persönlich möchte eigentlich nichts wegschmeißen. Das heißt, jeder meiner Freunde wird ein paar Kleidungsstücke kriegen... ne Jacke, T-shirts, oder was auch immer.]
Da wurde mir zumindest dann das erste mal klar, wie nah das ist. Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, zu der ein gewisser Abreisetermin noch ca. 1 1/2 Monate entfernt lag, und es einfach so weit weg erschien… letztenendes war’s Pustekuchen, und ich hatte damals (ja, so lang ist’s her!) viel mehr Freizeit als jetzt… und jetzt sind es nur noch zwei Monate.
Als dann das Thema ABSCHIED NEHMEN zur Sprache kam… für die Meisten gab’s kein Halten mehr. Ich war den Tränen sehr nahe, als meine Mom dann hinter ihrer Sonnenbrille anfing, zu weinen, konnte ich’s dann auch nicht mehr halten. Es war das erste Mal, dass ich sie weinen sah, und es war wegen mir! Das hat mir nochmal vor Augen geführt, wie sehr wir uns alle gegenseitig ans Herz gewachsen sind… Aber einerseits finde ich, dass jeder nach diesem großartigen Jahr einen würdigen Abschied verdient hat, andererseits ist kein Goodbye für immer – es gibt immer ein zweites Mal. Und dann ein Drittes. Und dann ein Viertes.
Man ist irgendwo innen ja auch froh, endlich wieder nach Hause zu kommen, zurück in sein altes Leben, zurück dahin, was man über anderthalb Jahrzehnte lang Zuhause nannte… aber man realisiert: Man hat zwar sein Leben dadrüben verlassen, aber definitiv hier drüben nicht nicht-gelebt. Man hat hier drüben ein neues Leben gefunden. Eine neue Familie. Neue Freunde. Ein neues Zuhause… und es fühlt sich definitiv an, als sei man erst gestern durch diese Tür gekommen. Als wäre man gerade erst angereist. Die vergangenen 8 Monate erscheinen einem wie im Flug vorbeigegangen zu sein – viel zu schnell, um wahrzusein. Und viel zuschön, um wahrzusein. Und wie soll unsereins, kaum einer älter als 18-Jahre alt, es verstehen, wenn man gerade, als man sich richtig, ich meine richtig, einlebt, schon wieder gehen muss? In den Worten einiger Freunde: Das ist FUBAR.
Anfangs, als ich herkam, dachte ich, das einzige was mich hier ernsthaft packen könnte, wäre Heimweh. Heimweh nach daheim, da wo man sich geborgen fühlt, da wo die Freunde, die Familie sind, da wo man fast sein ganzes Leben verbracht hat.
Einerseits ist man natürlich daheim in Deutschland, wo man sein altes Leben quasi zurückgelassen hat. Man möchte zurück dahin, Freunde, Familie, Bekannte wiedersehen – Das ist Heimweh im klassischen Sinne. Ich jedoch, und so ziemlich jeder andere Austauschschüler auch, habe während meines Auslandsjahres einen neuen Ort gefunden, den wir daheim nennen – unsere Gastfamilie, die einen wirklich komplett wie ein eigenes Kind behandelt, und die Freunde, die man hier gefunden hat.
Ich möchte nicht weg von hier. Ist das Heimweh? Ich bin doch gewissermaßen in der Fremde, und ich möchte hier bleiben, hier an dem Ort, den ich jetzt ein Jahr lang, und auch mein Leben lang daheim nennen werde. Natürlich, ich möchte nach Hause. Ich möchte auch in mein altes Leben zurück, auch wenn es sich so sehr verändert hat, dass ich es anfangs kaum wiedererkennen werde – aber ich möchte zurück. Das ist Heimweh. Aber es ist genauso Heimweh für mich, dass ich hier nicht wegmöchte – denn dieser Ort ist genauso daheim wie Deutschland. Und gehen wir nach der Definition, würde ich für mich persönlich die Bedingung, dass man in der Fremde ist, streichen. Denn weder Gütersloh, noch Seminole, sind mir fremd, sie sind mir ein Zuhause geworden, und dennoch, an welchem Ort auch immer, werde ich mich nicht komplett zu Hause fühlen, ein „Daheim“ wird immer fehlen, und damit die wunderbaren Menschen, die man damit verbindet. Ein wenig Heimweh wird immer bleiben. Nach welchem Heim auch immer…
Wir haben nicht einfach aufgehört, in Deutschland zu leben und hier ein neues Leben aufgebaut, genausowenig wie wir aufhören werden, hier drüben zu leben, wenn wir wieder zurückkehren – dieses, und das Leben in Deutschland, werden für immer ein Teil unserer Person sein. Ich weiß für mich, ich werde nie mehr abfällig über Country oder Cowboys sprechen. Denn irgendwo tief in mir, auch wenn ich später im Altersheim Mikado spiele, sitzt immernoch irgendwo ein Texaner.
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