Nachts um vier
Eine Familie, im Auto, und mittendrin ich.
Es regnet, stark. Die letzten drei Tage hat’s schon ununterbrochen geregnet… wir fahren eine Allee entlang, links und rechts begleiten uns stetige Reihen von Ahornbäumen – in Texas eine Seltenheit.
Unter „normalen“ Umständen würde ich das schön finden, wunderschön, würde barfuß im Regen die Allee langlaufen wollen. Würde dabei lachen, oder zumindest breit grinsen. Aber die Umstände sind nicht „normal“, und die Allee ist nicht nur irgendeine. Es ist die Allee, die mich zum Ort des Abschieds führt, zum Flughafen.
Ein Jahr ist vergangen, seitdem das letzte Mal so etwas anstand. 10 Monate, voller Erfahrungen und Erinnerungen. Voller Gefühle, starke.
Dass sich das so stark entwickelt, habe ich mir nie erträumt. Umso sprachloser war man dann im Auto, die letzte Autofahrt, die letzte Stunde eines wunderschönen Jahres, stumm.
Stillschweigend fliegen die Meilen dahin, jeder still für sich.
Zusammenbrechen möchte man ja nicht – und so behält jeder seine Gefühle für sich, versucht den Fakt, dass dies die Fahrt zum Flughafen ist, noch ein wenig weiter aufzuschieben.
Dann hört der Regen auf, an die Fensterscheiben zu prasseln – wir sind unter’m Flughafenvordach angekommen. Beim Entladen der Koffer und Checkin wird noch gescherzt, über das Übergepäck, über die Gitarre, die’s vielleicht doch nicht durch die Security schafft.
Dann sind die Koffer weg. Eingecheckt, auf dem Weg nach Deutschland. Alles was ich dann noch habe, ist mein Reisepass, mein Ticket, mein Handgepäck (mit Gitarre!) und mein wertvollster Besitz: Meine Familie.
Vor Abreise meinte Dad oft: „Man, du sorgst dich ja mehr um die Gitarre als um all dein anderes Gepäck zusammen!“
Hätte ich die Wahl, ich würde sofort meine Gitarre dalassen und stattdessen meine Familie mitnehmen.
Und so kommt es nach zehn Monaten zu dem Augenblick, den viele als den schwersten Moment ihres Jahres bezeichnen; der Augenblick, bevor man sich umdreht und durch den Securitycheck geht.
Und während der großen, tränenreichen Familienumarmung blicke ich nach draußen, und sehe wie sich der Regen verschlimmert. Ich sage mir, das könnten Engel sein, die mit uns um diesen Augenblick weinen.
Als ich mich zum Securitycheckpoint umdrehe, sehe ich, wie die Sonne aufgeht. Dass sie scheint, jeden Tag.
Und so sage ich mir, es ist kein Goodbye.
Es ist ein „See you later.“



